Neue Fahrzeugarchitekturen, veränderte Produktionsprozesse und steigende Flexibilitätsanforderungen stellen Automobilhersteller vor eine besondere Herausforderung: Wie lassen sich bestehende Werke weiterentwickeln, ohne die laufende Produktion zu beeinträchtigen? Genau hier setzt die Brownfield-Integration an. Dr.-Ing. Susann Kärcher, Senior Manager bei Dürr Consulting, erklärt, worauf es dabei ankommt, welche Herausforderungen Unternehmen häufig unterschätzen und warum der Blick vor Ort oft entscheidender ist als jede Planungsunterlage.
Als Senior Manager bei Dürr Consulting begleitet Dr.-Ing. Susann Kärcher Automobilhersteller bei der Weiterentwicklung bestehender Werke.
Frau Dr. Kärcher, viele Automobilhersteller beschäftigen sich derzeit mit Brownfield-Transformation. Was bedeutet das konkret?
Brownfield bedeutet, dass wir in bestehenden Produktionsumgebungen arbeiten, beispielsweise im Karosseriebau, in der Lackiereranlage oder in der Montage. Anders als bei einem Neubau geht es darum, neue Anforderungen in gewachsene Strukturen zu integrieren.
Diese Anforderungen entstehen etwa durch neue Fahrzeugplattformen, zusätzliche Varianten, oderveränderte Prozesse. Die zentrale Frage lautet: Wie können bestehende Produktionssysteme weiterentwickelt werden, ohne ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren? Im Kern geht es darum, Bewährtes sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die Voraussetzungen für zukünftige Anforderungen zu schaffen.
Die gezielte Weiterentwicklung bestehender Systeme schafft Flexibilität für zukünftige Produktionsanforderungen.
Welche Fragen stehen am Anfang eines Brownfield-Projekts?
Zunächst möchten unsere Kunden verstehen, welche Möglichkeiten ihr bestehendes Produktionssystem überhaupt bietet. Schließlich treffen neue Anforderungen auf eine laufende Serienproduktion, begrenzte Flächen und bestehende Anlagen. Die richtige Balance zwischen Bestandssicherung und Zukunftsfähigkeit zu finden, stellt unsere Kunden vor eine sehr komplexe Ausgangssituation.
Typische Fragen sind: - Lassen sich neue Fahrzeugarchitekturen in bestehende Linien integrieren?
- Welche Anlagen können weiter genutzt werden?
- Wo entstehen Engpässe bei Fläche, Materialfluss oder Taktzeit?
- Wie können Umbauten erfolgen, ohne die Produktion wesentlich zu beeinträchtigen?
- Welche Investitionen sind wirklich notwendig?
Unsere Aufgabe besteht darin, Transparenz zu schaffen und verschiedene Szenarien zu bewerten. Durch eine individuell auf den Kunden zugeschnittene Integrationsstrategie entwickeln wir verschiedene Lösungswege. Je früher belastbare Entscheidungsgrundlagen vorliegen, desto größer sind die Handlungsspielräume.
Was wird in Brownfield-Projekten besonders häufig unterschätzt?
Viele gehen davon aus, dass die vorhandenen Daten die Realität im Werk vollständig abbilden. In der Praxis stellen wir jedoch häufig fest, dass Anlagen über Jahre angepasst, erweitert oder umgebaut wurden und die Dokumentation nicht mehr den aktuellen Zustand widerspiegelt. Deshalb verlassen wir uns nicht ausschließlich auf Pläne und Unterlagen. Wir analysieren die Situation direkt vor Ort, erfassen relevante Daten neu und prüfen die tatsächlichen Gegebenheiten im Werk. Genau dort entstehen oft die wichtigsten Erkenntnisse. Erst wenn ein realistisches Bild vorliegt, lassen sich Entscheidungen treffen, die später auch in der Praxis funktionieren.
Können Sie ein konkretes Projektbeispiel nennen?
Gerne. In einem Projekt für einen OEM sollte ein neues Fahrzeugmodell in eine bestehende Endmontagelinie integriert werden. Die Herausforderung lag dabei vor allem in der Fördertechnik: Das neue Modell brachte veränderte Gewichte und Abmessungen mit sich, die Auswirkungen auf die bestehende Anlagenstruktur hatten.
Zunächst haben wir die vorhandene Fördertechnik analysiert und untersucht, welche Systeme weiter genutzt werden können und wo Anpassungen erforderlich sind. Anschließend wurden verschiedene Szenarien hinsichtlich Investitionsbedarf, Umsetzbarkeit und Auswirkungen auf den laufenden Betrieb bewertet.
Die eigentliche Herausforderung bestand jedoch darin, die notwendigen Anpassungen umzusetzen, ohne die laufende Produktion wesentlich zu stören. Dafür haben wir nicht nur die technischen Anforderungen definiert und die Lastenhefte erstellt, sondern auch einen detaillierten Umsetzungsplan entwickelt. Produktionspausen und geplante Stillstandszeiten wurden gezielt genutzt, um Eingriffe in den laufenden Betrieb so gering wie möglich zu halten und Stillstände so weit wie möglich zu vermeiden.
Das Beispiel zeigt sehr gut, worum es bei Brownfield-Projekten geht: Bestehende Systeme intelligent weiterzuentwickeln, anstatt sie grundsätzlich neu aufzubauen.
Detaillierte Integrationskonzepte schaffen die Grundlage für eine effiziente und nachhaltige Werkstransformation.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit den Teams im Werk?
Eine entscheidende. Die Menschen vor Ort kennen ihre Anlagen und Prozesse oft bis ins kleinste Detail. Dieses Erfahrungswissen ist in Brownfield-Projekten enorm wertvoll.
Die besten Lösungen entstehen deshalb immer in enger Zusammenarbeit mit den Werksteams. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen mit methodischer Kompetenz, Projekterfahrung und einem neutralen Blick von außen zu verbinden. So entstehen Konzepte, die nicht nur technisch überzeugen, sondern sich im Alltag auch zuverlässig umsetzen lassen.
Abschließend: Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die vor einem Brownfield-Projekt stehen?
Mein Rat wäre: Beginnen Sie frühzeitig und betrachten Sie das Projekt nicht ausschließlich als Umbauvorhaben. Wer erst spät mit der Analyse beginnt, schränkt die eigenen Handlungsspielräume oft unnötig ein. Dann werden Lösungen schnell aufwendiger, teurer oder riskanter. Gleichzeitig lohnt es sich, nicht zuerst zu fragen, was ersetzt werden muss, sondern was sich erhalten und sinnvoll weiterentwickeln lässt. Genau dort liegen häufig die größten wirtschaftlichen Potenziale.
Letztlich geht es bei Brownfield-Projekten nicht nur um einzelne Anlagen oder Prozesse. Es geht darum, die Zukunftsfähigkeit eines Produktionssystems zu sichern und die Voraussetzungen für kommende Veränderungen zu schaffen.
Darüber hinaus ist es wichtig, sich früh einen Partner an Bord zu holen, der sowohl die strategische Perspektive als auch die industrielle Realität versteht. Genau hier sehen wir unsere Rolle bei Dürr Consulting – gemeinsam mit unseren Kunden machbare, robuste und zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln.
Brownfield-Integration: Zukunftsfähigkeit im Bestand gestalten
Brownfield-Integration bedeutet weit mehr als die Modernisierung einzelner Anlagen. Sie entscheidet darüber, wie flexibel und anpassungsfähig bestehende Produktionsstandorte auf neue Anforderungen reagieren können. Dürr Consulting begleitet Automobilhersteller dabei von der Analyse über die Konzeptentwicklung bis zur Umsetzung im laufenden Betrieb. Mit maßgeschneiderter Layoutplanung, integrativen Strategien und realistischen Umsetzungsplänen entstehen Lösungen, die Produktionsprozesse effizient gestalten und langfristige Flexibilität sichern.
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