Aber wie kam es dazu? Martin Wolf leitet bei Dürr ein Team von Spezialisten für High Viscosity Applications (HVA) – intern Opti-Team genannt, das für Sealingprozesse und Klebeapplikationen zuständig ist. Gerade noch war er im warmen Südchina im Einsatz. Wenige Stunden später steht er – kleidungstechnisch alles andere als vorbereitet, aber hochmotiviert – im winterlichen Nordchina. Solche spontanen Ortswechsel kommen schon mal vor. Vor allem während der Projektphase begleiten die HVA-Experten komplexe Anwendungen und unterstützen die Kollegen auf der Baustelle mit ihrem Prozess-Know-how. Dann geht es nicht um perfekte Planung, sondern um schnelle Lösungen – egal, wo auf der Welt sie gebraucht werden.
Bei einer ruhigen Tasse Kaffee am Dürr-Campus in Bietigheim erzählt Martin Wolf, wie die Zusammenarbeit zwischen den Spezialisten, der Projektleitung und den Kollegen vor Ort aussieht: „Jedes Projekt bekommt bei uns einen festen Paten aus dem HVA-Bereich“, erklärt er. „Diese Paten sind die Experten für ihr Projekt, machen die Vorversuche, stehen für Fragen zur Verfügung und begleiten die Projekte bei Bedarf auch direkt vor Ort.“ Diese Rolle verlangt viel: fachliche Exzellenz, Flexibilität und ein tiefes Verständnis für die jeweilige Kundenanforderung. Spezielle Prozessschulungen bei Kunden gehören ebenfalls dazu. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, arbeiten die Teammitglieder auf höchstem technischem Niveau.
Jedes Projekt beginnt mit Vorversuchen beziehungsweise Düsentests. Unter möglichst realistischen Bedingungen werden die Programmabläufe geprüft, Prozessparameter ermittelt, feinjustiert, verworfen und neu gedacht. Die Ergebnisse werden sorgfältig dokumentiert und nach Abstimmung mit den Kollegen aus dem Bereich Offline Programming & Robot Concepts sowie dem jeweiligen Projektleiter dem Kunden ausführlich präsentiert. „Im Idealfall gibt der Kunde nach den Versuchen sein Okay. Dann kann das Projekt starten“, führt Martin aus. Auf der Baustelle kommen anschließend die Programme zum Einsatz, die zuvor in den Vorversuchen gemeinsam mit den Offline-Kollegen entwickelt wurden. „Idealerweise funktioniert alles auf Anhieb. Manchmal ist auch der Wurm drin, dann müssen wir vor Ort gemeinsam mit unseren Baustellenkollegen eine Lösung finden. Die Roboter-Teacher justieren dann beispielsweise einzelne Parameter nach, die im Vorfeld nicht bekannt waren, oder setzen nachträgliche Kundenwünsche um.“
Damit es gar nicht erst zu unerwarteten Schwierigkeiten kommt, setzt Dürr auf ein starkes Zusammenspiel von Projektteams, Spezialisten und dem globalen Service-Netzwerk. Während der Projektphase und bis zur Endabnahme unterstützen die Spezialisten die Kollegen auf der Baustelle bei komplexen Prozessfragen und begleiten die Inbetriebnahme mit ihrem Applikations-Know-how. Nach der Anlagenabnahme übernimmt in der Regel der Dürr Service. Über die Service-Hotline oder die Servicemitarbeiter vor Ort stehen Kunden jederzeit kompetente Ansprechpartner zur Verfügung. Nur in besonderen Fällen, wenn eine Herausforderung spezielles Prozesswissen erfordert, werden nach der Endabnahme zusätzlich die Experten eingebunden.
Gefragt sind die Spezialisten vor allem dann, wenn sich die Rahmenbedingungen eines Projekts ändern und bestehende Prozesse neu bewertet werden müssen. „Vom ersten Versuch bis zur Inbetriebnahme können durchaus sechs Monate vergehen“, merkt Martin an. „In dieser Zeit entscheiden sich Kunden nicht selten für ein anderes Material als das ursprünglich getestete. Darauf müssen wir reagieren.“ Genau hier zeigt sich die Stärke der HVA-Spezialisten: flexibel denken, schnell handeln und Lösungen finden, die funktionieren.
Dabei geht es nicht nur darum, bestehende Probleme zu lösen. Im Fokus steht vor allem die Optimierung von Prozessen und Anwendungen. Ziel ist es, Abläufe zu stabilisieren, die Applikationsqualität zu verbessern und das Maximum aus einer Anlage herauszuholen. Manche Fragestellungen lassen sich bereits per Telefon oder Teams klären. Andere erfordern die Unterstützung direkt vor Ort.
„Dann muss es schnell gehen“, betont Martin. „Für unsere Einsätze braucht es viel Spontaneität. Meist haben wir nur ein bis zwei Tage Vorlaufzeit, bevor wir beim Kunden vor Ort sind.“ Dass diese Spontaneität manchmal auch logistische Höchstleistungen erfordert, weiß Martin aus eigener Erfahrung. Eine seiner wohl chaotischsten Anreisen beschreibt er so: „Um elf Uhr vormittags saß ich in einer Besprechung mit unserem Projektleiter aus Brasilien, in der klar war, dass ich so schnell wie möglich zu ihm muss. Eine Stunde später war mein Flugticket für einen Flug am selben Abend von Frankfurt nach Brasilien gebucht“, berichtet er. Doch Martin stellte mit Erschrecken fest, dass sein Reisepass gar nicht lange genug gültig war. Also ging es kurzfristig noch ins Rathaus, um einen Express-Reisepass zu beantragen. „Durch den ungeplanten Zwischenstopp hatte ich keine Zeit, meinen Koffer zu packen. Den Part hat dann meine Frau übernommen“, erinnert er sich mit einem Lachen. Zuhause angekommen, schnappte er sich seinen Koffer, ohne einen Blick hineinzuwerfen, und machte sich direkt auf den Weg zum Flughafen.
Dass solche spontanen Einsätze keine Seltenheit sind, zeigt ein weiteres Erlebnis, das ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. „Ich weiß es noch ganz genau, es war bei unserer Team-Weihnachtsfeier“, erzählt er schmunzelnd. Gerade genoss das Team den gemeinsamen Abend, als das Telefon klingelte. Das Fertigungsband eines Kunden in der Nähe des Dürr-Hauptsitzes stand bereits den ganzen Tag still. Nach einer ersten Bewertung durch den Dürr Service war klar, dass sofort Unterstützung vor Ort notwendig war. Zwei Kollegen machten sich direkt auf den Weg, um Reinraummantel, Werkzeug und Sicherheitsschuhe zu holen und anschließend zum Kunden zu fahren. Mit Hilfe des Opti-Teams war dann das Problem vor Ort in zehn Minuten behoben.
Bei jedem Einsatz geht es vor allem um eines: dem Kunden Sicherheit zu geben.
„Es ist wichtig, Ruhe auszustrahlen und Vertrauen aufzubauen“, erklärt Martin. Denn neben technischem Know-how braucht es vor allem eines: menschliches Feingefühl. Die Stimmung auf der Baustelle kann ganz unterschiedlich sein – von angespannt bis nervös, von hektisch bis frustriert. Gerade in solchen Momenten kommt es darauf an, präsent zu sein und Verlässlichkeit zu zeigen.
Am Ende ist es egal, ob Sommerhitze in Südchina oder Eiseskälte im Norden: Entscheidend ist das gemeinsame Ziel. „Uns ist es wichtig, dass unsere Anlagen verlässlich funktionieren und die Kunden zufrieden sind.“ Und genau das macht die HVA-Spezialisten zu einem wichtigen Bestandteil des globalen Dürr-Netzwerks – immer dann, wenn besondere Prozesskompetenz gefragt ist.