Gestern Gas, heute Strom, morgen Energie aus dem Wärmespeicher - oder doch Wasserstoff? Das ist keine Zukunftsvision, sondern das neue Konzept von Dürr für die Karosserietrocknung, vorgestellt beim Open House. Kurz zusammengefasst: Es gibt nur noch zwei Trocker, die durch eine neuentwickelte Qflex-Technologie flexibel alle Energiearten nutzen können. Einer der cleveren Köpfe hinter der Strategie ist Produktmanager Dr. Heiko Dieter.
Ein Gespräch mit Produktmanager Dr. Heiko Dieter am Dürr Campus.
Herr Dr. Dieter, Dürr richtet die Trocknungstechnik völlig neu aus. Warum jetzt?
Weil Energie kein Randthema mehr ist. Früher haben wir vor allem über Qualität, Produktivität und Invest gesprochen. Heute stehen Verfügbarkeit, Preis und Herkunft der Energie gleichberechtigt daneben. Die Energiekrise hat deutlich gemacht, wie abhängig Industrieanlagen von einzelnen Energieformen sein können. Versorgungssicherheit ist zum echten Produktionsfaktor geworden. Darauf haben wir reagiert.
Wie ist Ihre persönliche Sicht auf das Thema?
Ich bin Verfahrensingenieur und habe in der Energietechnik promoviert, mit starkem Fokus auf Prozess- und Verfahrensentwicklung. Dadurch denke ich Systeme immer ganzheitlich. Gleichzeitig beobachte ich sehr genau die geopolitischen Entwicklungen und welche Konsequenzen daraus für unsere Kunden entstehen. Für mich ist deshalb klar: Ein Trockner darf in Zukunft nicht mehr starr auf eine Energieform ausgelegt sein, sondern muss sich an veränderte Anforderungen anpassen können. Genau daraus ist das Konzept der Qflex-Technologie für vollständige Energieflexibilität entstanden.
Was bedeutet Energieflexibilität konkret?
Bisher war ein Trockner fest an eine Energiequelle gebunden – entweder Gas oder in jüngerer Vergangenheit zunehmend Strom. Ein späterer Wechsel bedeutete meist einen tiefen Eingriff in die Anlage. Jetzt trennen wir Trockner und Wärmequelle konsequent voneinander – betrachten alle Komponenten als Module, die sich flexibel kombinieren lassen. Möglich macht das die Qflex-Technologie, ein zentrales Beheizungssystem, das von zentralen Beheizungsmodulen mit Wärme versorgt wird. So kann Wärme unabhängig von der Trocknungsanlage erzeugt werden, egal ob aus Gas, Strom oder einer anderen Quelle. Will ein Betreiber die Energieart wechseln, bleibt der Trockner unangetastet. Es wird lediglich das zentrale Beheizungsmodul angepasst oder um ein Weiteres zum Hybridsystem erweitert. Das ist ein überschaubarer Aufwand hinsichtlich Kosten und Umbauzeit. Energieflexibilität heißt damit: Die Anlage kann auf energiepolitische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen reagieren, ohne dass jedes Mal der gesamte Trocner umgebaut werden muss.
Der moderne EcoSmartCure integriert den gesamten Trocknungsprozess auf einer Ebene.
Dafür hat Dürr das Trockner-Portfolio radikal verschlankt?
Ja. Ganz bewusst konzentrieren wir uns auf zwei Trocknertypen. Der EcoInCure bleibt unser High-Performance-System mit der effektiven Karosserietrocknung von innen. Parallel dazu haben wir den EcoSmartCure entwickelt, ein innovativ gedachtes Längstrocknerkonzept im Stop-and-Go Betrieb.
Das zentrale Beheizungsmodul ermöglicht einen einfachen Wechsel der Energieart.
Was für Vorteile bringt die Qflex-Strategie Ihren Kunden?
Sie schafft Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Spielräume. Mit einem Hybridsystem können unsere Kunden die Betriebskosten aktiv steuern. Ist Solarstrom mittags günstig, beheizen sie elektrisch. Steigen die Preise, wechseln sie auf Gas. Ein weiterer Punkt ist die Investitionssicherheit. Viele Unternehmen betreiben ihre Trockner heute mit Gas, planen aber mittelfristig den Umstieg auf elektrische Beheizung, etwa wenn ein eigener Solarpark entsteht. Wenn es soweit ist, fällt der Energiewechsel dank Qflex leicht.
Im Gespräch über den EcoInCure.
Viele Kunden setzen inzwischen auf elektrische Beheizung. Elektrische Systeme gelten im Betrieb jedoch als kostenintensiver. Wie passt das zur Wirtschaftlichkeit?
Der entscheidende Faktor ist, Energie im System zu halten. Oder anders formuliert: Energie, die nicht verloren geht, muss gar nicht erst zusätzlich eingesetzt werden. Auf diesem Prinzip basieren unsere verschiedenen Energieeffizienzbausteine, die direkt auf das OPEX-Konto einzahlen. Einen wesentlicher Beitrag zur Reduzierung von Verlusten leistet die hocheffiziente Rückgewinnung von Wärme aus der Abluft zur Vorwärmung der Frischluft. Darüber hinaus lassen sich durch eine Verringerung der Anlagenoberfläche, eine verbesserte Isolierung sowie den Einsatz smarter Softwarelösungen deutliche Effekte erzielen – etwa durch eine auslastungsabhängige Reduzierung der Abluftvolumenströme im Teillastbetrieb. In der Summe erreichen wir so Einsparungen von bis zu 50 Prozent der Energiekosten im Vergleich zu einem modernen, gasbeheizten Referenzsystem. Der Grundsatz ist dabei einfach: Energie, die ich nicht verbrauche, muss ich auch nicht bezahlen.
Der EcoSmartCure vereint das zentrale Heizungskonzept mit dem Stop-and-Go-Prinzip.
Energie- und Produkstrategie ist das eine. Wo wird sie technisch greifbar?
Beim neuen EcoSmartCure beispielsweise im Stop-and-Go-Konzept. Anstatt die Karosserie im kontinuierlichen Betrieb mit großen Luftmengen zu beaufschlagen, arbeiten wir jetzt mit gezielten Stillstandsphasen und einer definierten Luftführung – etwa zum Schweller oder ins Fahrzeuginnere. Wie bereits beim EcoInCure wird die Wärme gezielt dorthin geführt, wo sich große Masseteile befinden. Das beschleunigt die Aufheizung, sorgt für eine gleichmäßigere Temperaturverteilung und reduziert Spannungen, mit positiven Effekten auf die Lackierqualität.
Beim Begutachten der Heizungstechnologie im Trockner.
Gibt es darüber hinaus Veränderungen?
Ja. Der EcoSmartCure ist konsequent kompakt konstruiert. Ventilatoren und Kanalgewerke sind im Trockner integriert, eine zweite Ebene entfällt. Das reduziert Wärmeverluste und senkt Investitionskosten.
Wir haben viel über Technik, Plattformen und Effizienz gesprochen. Was muss eigentlich intern, also hinter den Kulissen, passieren, damit aus Überlegungen eine neue Strategie wird?
Dafür braucht es viel Dialog, einen engen Austausch mit Kollegen aus der Entwicklung, dem Hinterfragen bestehender Lösungen und einen gemeinsamen Blick auf den Markt. Man diskutiert, verwirft Ansätze, denkt weiter. Strategie ist am Ende kein einzelner Geistesblitz, sondern das Ergebnis vieler Gespräche und unterschiedlicher Perspektiven, die zusammenkommen.
Zum Schluss persönlich: Was treibt Sie bei diesem Thema an?
Für mich ist die Energietransformation weit mehr als eine technische Aufgabe. Sie bietet die die Chance, Energieverbrauch, CO₂-Emissionen und Betriebskosten gleichermaßen zu verebssern. Wenn es gelingt, energiepolitische Abhängigkeiten durch nachhaltige, lokale Energieerzeugung und eine flexible Nutzung von Energie zu verringern, wäre das ein bedeutender Fortschritt – ökologisch wie gesellschaftlich. Dass ich bei Dürr an Lösungen mitarbeiten kann, die ganz konkret dazu beitragen, ist für mich ein starker persönlicher Antrieb.
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