Nachhaltigkeit

Drei Wochen. Keine zweite Chance.

Verspätete Seefracht, mehr als 150 Beteiligte und ein enges Zeitfenster: So gelang der Sommerumbau von Halle 9 im Volkswagen-Werk Wolfsburg.

Es ist der 17. Juli, kurz vor Mitternacht. Seit Wochen verfolgt das Projektteam den Transport der neuen thermischen Abluftreinigungsanlagen. Werden sie noch rechtzeitig eintreffen, damit der Umbau plangemäß beginnen kann? Auf das Warten folgt Erleichterung: Just in Time, um 23 Uhr erreichen die entscheidenden Lkw das Volkswagen-Werk in Wolfsburg. Sieben Stunden später beginnt der dreiwöchige Sommerumbau – das Resultat monatelanger Planung. 

Zwei Projekte, ein gemeinsames Ziel

In Halle 9 standen für das Dürr-Team gleich zwei umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen an. Zum einen sollten drei Decklackstationen inklusive Robotik, Applikationstechnik, Fördertechnik und Software erneuert werden. Hinzu kam die Modernisierung von drei thermischen Abluftreinigungsanlagen (TAR): eine für den Decklackbereich und zwei weitere für die Linie der Kathodischen Tauchlackierung. Beide Projekte hatten denselben Auslöser: Die bestehenden Anlagen hatten ihr technisches Lebensende erreicht. Zunehmende Ausfälle und eine immer schwieriger werdende Ersatzteilversorgung machten deutlich, dass eine umfassende Modernisierung erforderlich war, um die langfristige Verfügbarkeit und Produktionssicherheit der Lackieranlage sicherzustellen.

Drei Wochen, jede Minute zählt

Wie immer bei Umbauten während einer Betriebsruhe lag die größte Herausforderung nicht in der Technik, sondern im knappen Zeitfenster. Ursprünglich waren für die Arbeiten fünf Wochen vorgesehen, später vier. Am Ende blieben lediglich drei Wochen übrig, in denen jeder Arbeitsschritt sitzen musste. 

Die Vorbereitungen für beide Projekte liefen bereits Monate vor dem eigentlichen Umbau an. Das Decklackprojekt startete im Oktober des Vorjahres, das TAR-Projekt im Februar 2026. Kurze Wege erwiesen sich dabei als Vorteil: Dank des Dürr Service Centers in Wolfsburg konnten sich die Teams jederzeit direkt mit Volkswagen vor Ort abstimmen, Anlagenbereiche gemeinsam begutachten und technische Fragen schnell klären. Während der Umbauphase fanden tägliche Besprechungen statt, in kritischen Phasen sogar morgens und abends.

Gleichzeitig wurde nichts dem Zufall überlassen und die Vorarbeiten gingen bis ins kleinste Detail: Schaltschränke wurden versetzt, Kabelwege vorbereitet, Materialversorgungssysteme angepasst, Stahlbaukonstruktionen errichtet und Transportwege geplant. „Wir haben praktisch jede Schraube im Vorfeld diskutiert“, erinnert sich Projektleiter Christian Lörler. 

„Während der Umbauzeit konnten wir uns weder Fehlmaterial noch größere Überraschungen leisten.“ 
Während der dreiwöchigen Betriebsruhe bei Volkswagen kam es dann auf jede Stunde an. Bestehende Anlagen mussten demontiert, neue Komponenten eingebracht, montiert, in Betrieb genommen und getestet werden. Gleichzeitig entfiel die klassische Hochlaufphase: Die Produktion sollte nach dem Werksurlaub unmittelbar wieder zur Verfügung stehen.  Entsprechend war das Dürr-Projektteam gefordert, viele Entscheidungen direkt auf der Baustelle zu treffen und dabei Terminplan, Sicherheit und technische Anforderungen im Blick zu behalten. „Solche Projekte verlangen bei allen Beteiligten weit mehr als technisches Fachwissen. Gefragt sind Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, Flexibilität und die Fähigkeit, auch unter hohem Zeitdruck Entscheidungen zu treffen“, sagt Benjamin Wrede. 

Wenn Zentimeter über den Erfolg entscheiden

Als besonders anspruchsvoll erwies sich der Austausch der thermischen Abluftreinigungsanlagen. Die bis zu 18 Tonnen schweren Aggregate mit einer Länge von rund zehn Metern und einem Durchmesser von 3,6 Metern mussten über eine Gebäudeöffnung im Obergeschoss eingebracht werden. Sieben Personen bewegten die Anlagen rund 150 Meter Schritt für Schritt durch die Halle. Dabei führten die Wege durch enge Bereiche, vorbei an bestehenden Anlagen, Stahlbauten und Fördertechnik. Für den Transport entwickelte das Dürr-Team spezielle Schwerlastrollen. Da teilweise weniger als zehn Zentimeter Platz zur Decke vorhanden waren, mussten sie extrem flach gebaut werden. An manchen Stellen blieben nur wenige Millimeter Spielraum. 

Immer einen Plan B im Kopf

Zusätzliche Spannung brachte die verspätete Seefracht. Die neuen TAR-Anlagen wurden in China gefertigt und per Schiff transportiert. Aufgrund schlechter Witterungsverhältnisse und Staus in den Vorhäfen war unklar, ob die Komponenten rechtzeitig eintreffen würden und der Umbau tatsächlich stattfinden konnte. „Die Schiffe habe ich teilweise täglich auf einer Live-Karte verfolgt. Am Ende habe ich sogar per Webcam geschaut, wann sie in die Elbe einlaufen“, erinnert sich Projektleiter Benjamin Wrede. 

Doch nicht nur die verspätete Seefracht verlangte Flexibilität. Auch während des Umbaus blieb die Terminplanung ständig in Bewegung. Wie bei vielen Brownfield-Projekten verliefen einzelne Arbeiten schneller als erwartet, während andere zusätzliche Abstimmungen erforderten. Hinzu kam die enge Verzahnung beider Projekte. Arbeiten im TAR- und im Decklackbereich griffen vielfach ineinander. Bestimmte Inbetriebnahmeschritte konnten erst erfolgen, nachdem Nachbargewerke ihre Aufgaben abgeschlossen hatten. Entsprechend wurden Abläufe regelmäßig angepasst und teilweise im Minutentakt neu abgestimmt.

Erfolgreich ins Ziel

Drei Wochen lang wurde sieben Tage rund um die Uhr gearbeitet. Zeitweise waren mehr als 150 Personen gleichzeitig auf der Baustelle im Einsatz. Der Aufwand zahlte sich aus: Die neuen TAR-Anlagen konnten sogar drei Tage früher als geplant an Volkswagen übergeben werden. Gleichzeitig erreichte auch das Decklack-Team seine Qualitätsziele schneller als erwartet und schloss die technische Abnahme vor Termin ab. Mindestens ebenso wichtig: Während der gesamten Umbauphase gab es keine Arbeitsunfälle. 

Drei Wochen nach dem Start war von der Anspannung des Sommers nur noch wenig zu spüren. Zurück blieb die Erkenntnis, dass erfolgreiche Brownfield-Projekte weit mehr erfordern als neue Technik: Präzise Planung, schnelle Entscheidungen und eine starke Teamleistung machen den Unterschied.