Lackieranlagen & Applikationstechnik

Die Zukunft lackiert in Pixeln

EcoNextJet bringt kreative Freiheit und Präzision in die Fahrzeuglackierung


Individuelles Fahrzeugdesign direkt aus der Lackierstraße? Mit dem EcoNextJet bringt Dürr ein innovatives Applikationssystem auf den Weg, das hochauflösende Grafiken automatisiert auf Fahrzeugkarossen lackiert – ganz ohne Folien oder manuelle Arbeitsschritte. Im Interview sprechen Dr. Moritz Bubek und Peter Haller über technologische Meilensteine, kreative Freiräume und die Zukunft der Fahrzeugindividualisierung.

Willkommen Herr Dr. Bubek, willkommen Herr Haller. Sie beide sind maßgeblich an der Entwicklung des EcoNextJet beteiligt. Können Sie uns kurz erklären, worum es sich dabei handelt?

Peter Haller: Sehr gerne. Der EcoNextJet ist ein Applikationssystem, das an einem Lackierroboter angebracht ist. So lassen sich in der Lackieranlage Grafiken und Dekorelemente in hoher Auflösung direkt auf die Karosserie aufbringen – und zwar sowohl auf horizontalen als auch auf vertikalen Flächen.

Dr. Moritz Bubek: Möglich war das durch die Kooperation mit unseren Partnern, dem Lackhersteller Axalta und dem Druckkopfhersteller XAAR. Gemeinsam entwickelten wir ein System, das die Vorteile von hochauflösenden Grafiken und Designs mit qualitativ hochwertigem Lack und exakt arbeitenden Robotern vereint.

Was hat Sie inspiriert, den EcoNextJet zu entwickeln? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit XAAR und Axalta?

Dr. Moritz Bubek: Die Idee entstand aus einem klaren Trend: Fahrzeuge sollen immer individueller gestaltet werden. Mit dem EcoPaintJet Pro haben wir bereits ein overspray-freies System für Kontrastdächer etabliert, das sich am Markt sehr gut behauptet.

Peter Haller: Im engen Austausch mit unseren Kunden wurde deutlich, dass Designer noch mehr Freiheiten wünschen – insbesondere bei hochauflösenden Grafiken. Nach intensiver Technologie-Evaluation haben wir uns für die Kooperation mit Axalta und XAAR entschieden. Die Lackabstimmung auf den Applikator ist ein komplexer Prozess, der in dieser Partnerschaft bereits erfolgt ist. Das spart uns wertvolle Entwicklungszeit. Durch die Zusammenarbeit kann Dürr in Zukunft ein Komplettsystem anbieten, das den Anforderungen der Automobilindustrie gerecht wird.

Lassen Sie uns darauf etwas genauer eingehen. Welche Vorteile bietet der EcoNextJet den Fahrzeugherstellern?

Peter Haller: Ein ganz zentraler Vorteil ist die Automatisierung. Manuelle Arbeitsschritte wie das Aufkleben von Designfolien entfallen komplett. Unsere Druckgeschwindigkeit ist im Wettbewerbsvergleich deutlich höher. Kunden können Designelemente auf verschiedensten Flächen applizieren. Der Druckkopf kann sogar zwei Farben gleichzeitig drucken – und mit unserem Farbwechsler arbeiten wir daran, das Farbspektrum weiter zu erweitern. Die Individualisierungsmöglichkeiten sind enorm, wie wir zuletzt auf der Surcar-Konferenz in Cannes gezeigt haben.

Das klingt beeindruckend. Welche Technologie steckt hinter dieser Qualität?

Dr. Moritz Bubek: Der Druckkopf basiert auf der Drop-on-Demand-Technologie. Dabei werden Lacktropfen gezielt und präzise auf die Oberfläche aufgetragen – mithilfe bewährter Piezotechnologie, die die Tropfen regelrecht „herausdrückt“.

Sie meinten gerade, dass zwei Farben gleichzeitig von dem gleichen Druckkopf eingesetzt werden können. Welches Potential sehen Sie darin?

Peter Haller: Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für mehrfarbige und komplexe Designs. Farbwechsel entfallen, die Taktzeit wird kürzer – und das Ergebnis sind hochwertige, einzigartige Fahrzeuge.

Lassen Sie uns auf die Oberflächen etwas genauer eingehen. Welche Oberflächen bieten das größte Potenzial – horizontale oder vertikale?

Moritz Bubek: Das entscheidet letztlich der Kunde. Der große Vorteil unseres Systems ist, dass wir mit demselben Lackmaterial sowohl horizontale als auch vertikale Flächen beschichten können – ohne den Lacktyp zu wechseln. Das schafft maximale Gestaltungsfreiheit.

Sie erwähnten gerade die Drop on Demand Technologie. Wie funktioniert diese denn?

Dr. Moritz Bubek: Gerne. Drop-on-Demand – kurz DoD – bedeutet, dass jede einzelne Düse gezielt angesteuert werden kann. Das erlaubt es uns, beliebige Grafiken und Muster präzise aufzubringen. Beim EcoNextJet arbeiten wir mit einem Druckkopf, der über 2000 Düsen verfügt, die nebeneinander angeordnet sind. Jede dieser Düsen appliziert winzige Lacktropfen ganz gezielt auf die Oberfläche.

Peter Haller: Die Düsen bestehen aus kleinen, nach vorne offenen Lackkammern. Die Wände dieser Kammern sind aus einem speziellen Keramikmaterial gefertigt, das sich bei elektrischer Spannung verformt. Diese sogenannte Piezokeramik bringt über eine ausgeklügelte Akustik – wir sprechen hier von sogenannten „Waveforms“ – Energie in das Lackmaterial ein. Dadurch wird ein Tropfen in der Größenordnung von wenigen Pikolitern aus der Düse geschossen.

Dr. Moritz Bubek: Und das ist noch nicht alles: Pro Bildpunkt – also Pixel – können bis zu sechs Tropfen erzeugt werden, die sich sogar noch im Flug zu einem größeren Tropfen vereinen, bevor sie auf dem Substrat auftreffen. Das erlaubt uns eine extrem präzise Steuerung von Tropfengröße und -geschwindigkeit.

Peter Haller: Damit diese Tropfen perfekt sind, muss das Lackmaterial im System zirkulieren. Die Zirkulation sorgt dafür, dass der Lack nachfließt, vorgeschert wird und schädliche Luftblasen entfernt werden. Die Herausforderung dabei ist, den Druck in der Lackkammer auf wenige Millibar genau zu regeln. Denn das System ist nach vorne offen – der Lack darf nicht einfach herauslaufen, muss aber dennoch mit minimaler Energie applizierbar sein.

Es handelt sich also um ein komplexes System. Welche Rolle spielt die Software dabei?

Dr. Moritz Bubek: Eine zentrale Rolle. Die Software ist das Bindeglied zwischen Mechanik, Steuerung und Messtechnik. Bestehende Softwarekomponenten wie die Bahngenerierung beim EcoPaintJet helfen uns, aber vieles muss für den EcoNextJet neu entwickelt werden – etwa die Berechnung des Auftreffpunkts jedes einzelnen Tropfens.

Welche Einsatzbereiche sehen Sie denn für den EcoNextJet?

Peter Haller: Die hohe Auflösung macht bisher undenkbare Designs möglich. Selbst die Individualisierung einzelner Kundenfahrzeuge ist realistisch. Auf der SURCAR in Cannes haben wir das live demonstriert – mit einer Unterschrift, die direkt auf das Fahrzeug lackiert wurde. Das war ein echter Wow-Moment.

Entwickeln Wettbewerber ähnliche Produkte oder ist Dürr hier voraus?

Dr. Moritz Bubek: Mit dem EcoPaintJet Pro sind wir Marktführer im Bereich overspray-freier Lackapplikation. Mehrere Anlagen laufen bereits produktiv. Natürlich arbeiten auch andere an Fahrzeugindividualisierung. Aber unser Vorteil ist das komplette Ökosystem aus Software, Hardware und Prozess – das macht den Unterschied.

Apropos Zukunft. Welche Schritte stehen als nächstes an?

Peter Haller: Da liegt noch einiges vor uns. Der EcoNextJet muss jetzt vollständig fertig entwickelt und für den Einsatz beim Kunden vorbereitet werden. Wir führen bereits konkrete Gespräche mit potenziellen Kunden.

Dr. Moritz Bubek: Parallel dazu arbeitet unser Partner Axalta daran, weitere Farbtöne und Lacksysteme marktreif zu machen. Das ist entscheidend, um den Kunden eine möglichst breite Palette an Gestaltungsmöglichkeiten zu bieten

Zum Abschluss habe ich noch eine etwas persönlichere Frage an Sie. Welche Grafik würden Sie sich gerne auf ihr Auto lackieren lassen?

Beide lachen: Bei unseren Versuchen sind schon einige geometrische Muster entstanden, die uns richtig gut gefallen haben.